Wenn wir einen Weg von Konflikten zu aufrichtigen Beziehungen beschreiten wollen, müssen wir uns fragen, ob wir überhaupt aufrichtige Beziehungen haben wollen. Denn aufrichtige Beziehungen bedeuten zum einen, dass man seine Privilegien abbaut und eine egozentrische Haltung hinter sich lassen muss. Sie erfordern auch, dass man sich allmählich von der Idee des Profits löst. Wir sollten uns also nochmals fragen: Wollen wir diesen Weg einschlagen? Angesichts der Alternative und mit gesundem Menschenverstand scheint es ziemlich offensichtlich zu sein, aber eine klare Haltung zu diesem Thema ist von größter Wichtigkeit.
Die spirituellen Lehren der Zeitlosen Weisheit sagen, dass die Wahl für uns bereits getroffen wurde; wir leben und bewegen uns und haben unser Sein im Körper einer Gottheit, von Der das Gesetz des Mitgefühls - das als aufrichtige Beziehungen, liebendes Verständnis oder aktiv gelebte Liebe zum Ausdruck kommt - als integraler Bestandteil ihrer Natur hervorgeht1. Dennoch ist die Betrachtung dieses Themas unter dem Gesichtspunkt des Begehrens relevant, weil unsere Emotionen eine große Rolle dabei spielen, dass wir aus dem Konflikt in die Harmonie kommen.
Im Hinblick auf das sich entwickelnde Bewusstsein, das wir - als Individuen, Gruppen oder als die größere Gruppe, die Untergruppen umfasst und die wir Menschheit nennen - sind, müssen wir erkennen, dass wir nicht immer aufrichtige Beziehungen über unsere eigenen Interessen stellen - das wissen wir aus der Erfahrung unseres eigenen Lebens. In der heutigen Welt wird die Ethik in Frage gestellt, wenn nicht gar verhöhnt, und als Zivilisation richten wir unseren Kompass ohne jegliche Scham an materiellen Zielen aus, anstatt an subjektiven, ewigen Zielen. Unsere Zivilisation ist ziemlich materialistisch, die Gedankenform der Welt ist ziemlich materialistisch, und unsere Werte, so scheint es nur allzu oft, werden an der Börse gehandelt.
Unsere Zivilisation ist das Ergebnis des sich entwickelnden menschlichen Bewusstseinszustandes und entwickelt sich aus seinem Überlebensinstinkt, seinen Begierden und seinem Ehrgeiz heraus. Wir fragen, wer würde sich mit klarem Verstand für das Wohl des Ganzen opfern? Wer wird den Geist an die erste Stelle setzen? Kann man so etwas wenigstens von den Kirchen verlangen? Was sollte man in diesem Klima von Einzelpersonen, Machthabern oder Nationen erwarten? Wir haben Habgier und Separatismus nie aus den Wurzeln unserer Beziehung zum Leben entfernt, wie sollen wir also unseren Weg aus dem Konflikt finden?
Doch wie Alice Bailey überzeugend darlegt, bestimmen die Energien des Seelenlebens nach und nach alle unsere Interaktionen auf der physischen Ebene. Es sollte daher verständlich sein, dass selbst Menschen mit reinen Motiven und Absichten und mit hohen Prinzipien zu widersprüchlichen Aktivitäten getrieben werden können2.
Wenn man über diese Ansätze nachdenkt, dann erkennt man den Konflikt als eine notwendige Folge der Evolution. Er ist eine Folge der Erweiterung des Bewusstseins nach folgendem Muster: Ausdehnung, Kontakt, Konflikt, Reibung und Schlichtung, wodurch in einem erweiterten Bewusstseinszustand Harmonie durch Konflikt entsteht. Diese Betrachtung zeigt, wie die menschliche Familie als Einheit gedeiht. Dies ist das große Bild. Ein Bild, das allzu leicht aus den Augen verloren wird, wenn wir uns von Konflikten gefangen nehmen lassen und wenn wir unsere Identität an den Gewinnen festmachen, die wir anstreben, oder an den Verlusten, die wir vermeiden wollen.
Während Konflikte eine unbestreitbare Tatsache des Lebens sind und sich vor unseren Augen auf verschiedenen subtilen Ebenen entfalten, müssen wir uns darin üben, unseren Blick nach oben und darüber hinaus, in die Welt der Bedeutung, zu richten. Dort können wir, mit der richtigen Ausrichtung und dem richtigen Wissen, die Bedeutung in ein weise inspiriertes Verständnis für die Konflikte, die wir erleben, einfließen lassen. Wir können danach trachten, die innere Einheit aller Dinge und ihr Wirken in der Vielfalt wahrzunehmen. Dieser Prozess wird die Empfindsamkeit der kleinen Leben, aus denen wir selbst bestehen, lenken und inspirieren. Mit anderen Worten, er wird die Prozesse unserer kollektiven Vorstellungskraft beeinflussen und lenken, damit wir die Verheißung aufrichtiger Beziehungen sehen, fühlen und berühren können.
Ebenso wird es uns helfen, die Idee der aufrichtigen Beziehungen zu einem liebgewonnenen Ideal zu machen und zu versuchen, jene Eigenschaften in uns umzuwandeln, die dem Prozess der Harmonisierung durch Konflikt entgegenstehen, indem wir uns vorstellen, wie sich ihr segensreicher Ausdruck anfühlen würde und wie sie in unseren Beziehungen zum Ausdruck kommen könnten.
Dies ist ein praktisches Unterfangen, und es liegt in unserer eigenen Verantwortung. Auch wenn globale Konflikte aus der Gier und der Macht einiger weniger und ihrer Führerschaft über eine Heerschar von Menschen entstehen mögen, so liegt die wahre Macht doch in den Händen der Massen, die sich selbst geschult haben. Es ist das von Wünschen geprägte Denkvermögen, das die Welt regiert, und es sind der aufrichtige Wunsch und die rechtschaffene Sichtweise, die uns aus der Dunkelheit ins Licht führen werden, heraus aus der heutigen Verblendung und hinein in das Licht der Wirklichkeit.
Wir behaupten, dass wir keine wirkliche Wahl haben, wenn wir den Weg zu aufrichtigen Beziehungen beschreiten, aber wir können definitiv den Prozess verlangsamen und darunter leiden, oder unseren Fortschritt in der richtigen Weise vorantreiben. Es liegt an uns. Das ist unser freier Wille, unser guter Wille. Und schließlich, da aufrichtige Beziehungen auf der Umwandlung des Bewusstseins des individuellen Selbst in das Bewusstsein der Seele oder des Egos beruhen, erkennen wir, wie die Idee von aufrichtigen Beziehungen Hand in Hand mit der Idee des Gruppenbewusstseins geht. Ja, unser Fortschritt erfordert den Verzicht auf unsere individuellen Kostbarkeiten und einen gewissen Identitätsverlust, aber er birgt die Verheißung des ewigen Wohlergehens eines geteilten Reichtums in seinen vielen Formen, wobei das Bewusstsein an erster Stelle steht. Ist das denn nicht wünschenswert genug?
Letztendlich werden wir dazu aufgerufen, das Feuer unserer Herzen zu entfachen und die Liebe umzuwandeln, von der persönlichen Liebe zur Liebe für den Partner und die Familie, zur Liebe für unser gesamtes Umfeld und über den Patriotismus zur Liebe für die gesamte Menschheit. So führt die Umwandlung unseres Astrallebens über den Konflikt zu einem erweiterten Bewusstsein.3 §
1. Adaptiert von Alice Bailey, Die Geistige Hierarchie tritt in Erscheinung, S. 288 engl.
2. Alice Bailey, Esoterische Psychologie, Band II, S. 86 engl.
3. Alice Bailey, Eine Abhandlung über kosmisches Feuer, S. 954 engl.
