Die Kunst des geistigen Gleichgewichts


Drei Geistige Feste 2026

Die Kunst des geistigen Gleichgewichts

 

Liebe Mitarbeiterin, lieber Mitarbeiter,

Laut den Erinnerungen einer hochrangigen Persönlichkeit in der theosophischen Bewegung wandte sich einmal ein junger ehrenamtlicher Mitarbeiter mit einer ungelösten Frage aus einer Gruppendiskussion an Helena Blavatsky. Die Frage war: „Was ist das Wichtigste beim Studium von Theosophie?“ Blavatsky’s Antwort war: „gesunder Menschenverstand“. Der Volontär fragte dann nach dem Zweitwichtigsten, worauf Blavatsky erwiderte: „ein Sinn für Humor“. Als sie noch weiter dazu gedrängt wurde, das Drittwichtigste zu nennen, entgegnete Blavatsky: „einfach noch MEHR gesunder Menschenverstand!“1

Abgesehen davon, dass sie H.P.B.s lebhafte Scharfsinnigkeit unterstreicht, enthält ihre Antwort den Schlüssel zur Aufrechterhaltung des geistigen Gleichgewichts auf dem „schmalen, rasiermesserscharfen Pfad“, der in das Reich der Seele führt. Aber während die meisten Menschen ein angeborenes Verständnis davon haben, was „gesunder Menschenverstand“ ist, wird es umso esoterischer, je mehr man darüber nachdenkt. Die Schriften von Alice Bailey beziehen sich auf den „gesunden Menschenverstand” des Denkvermögens und seine Funktion, „die von den fünf Sinnen übermittelteni In- formationen zu analysieren und zu synthetisieren”. Sie erklären aber auch, dass das Denkvermögen selbst als Sinnesorgan genutzt werden kann, um Dinge aus einer höheren Ebene wahrzunehmen.

Esoterische Entwicklung verlangt vom Denkvermögen, in zwei Richtungen zu arbeiten, so dass die inneren und äußeren Daseinsebenen miteinander in Beziehung gebracht werden können und als ein vereintes Ganzes wahrgenommen werden.

Der gesunde Menschenverstand ist in diesem Prozess als analytischer Synthesizer aller Reizimpulse von unschätzbarem Wert – er steht für psychisches Gleichgewicht, das durch das aufrechterhalten wird, was Blavatsky als zweitwichtigstes Element der geistigen Entwicklung ansah: „Humor“. Wie wir wissen, ruft Humor oft Gelächter hervor, wenn es so ist, als würde das Ego vorübergehend von seiner Identifikation mit der Form befreit, um ein Gefühl der Freiheit und die Fähigkeit, die Dinge aus einer distanzierteren und erweiterten Perspektive zu betrachten, zu erleben. In Bezug auf die esoterische Ausbildung ist guter Humor eine wichtige ausgleichende Kraft, die dem Aspiranten hilft, Illusionen zu zerstreuen und die Fallstricke des Fanatismus zu vermeiden.

Um noch einen Schritt weiter zu gehen; so sagt die ursprüngliche Bedeutung von „humour” (Humor) viel über seine ausgleichende Kraft aus. Der Wortstamm ist eine Entwicklung aus dem Lateinischen Wort für „body fluid” (Körperflüssigkeit), und die alten Griechen vertraten die Ansicht, dass es vier hauptsächliche Körperflüssigkeiten oder ‘humours’ gibt, die mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen in Verbindung stehen. Die Mischung dieser vier Eigenschaften wurde als verantwortlich für das allgemeine Temperament einer Person angesehen – wobei die ursprüngliche Bedeutung von temper „mischen oder in den richtigen Zustand bringen, anpassen oder wieder in das richtige Verhältnis bringen“ ist. Aus dieser Perspektive war Krankheit auf ein Ungleichgewicht der vier Körperflüssigkeiten zurückzuführen, das wieder ausgeglichen werden musste, um die volle Gesundheit wiederherzustellen.

Sanguin                 Cholerik                   Phlegmatik               Melancholie
Blut                        Gelbe Galle              Schleim                    Schwarze Galle
Herz                       Gallenblase              Gehirn                      Milz
Luft                         Feuer                        Wasser                     Erde
Frühling                 Sommer                    Herbst                      Winter 
Heiss, feucht         Trocken, heiss          Feucht, kalt             Kalt, trocken
Jupiter                     Mars                          Mond                       Saturn


Interessanterweise veranstaltet die National Library of Medicine eine Online-Ausstellung bei welcher untersucht wird, wie die Sprache dieser vier ‘humours’ das literarische Schaffen von Shakespeare durchdringt: And there’s the humor of it. (2) In der Elisabet- hanischen Zeit war der „Humorismus“, wie er von den Ärzten des antiken Griechenlands gelehrt wurde, noch immer die vorherrschende medizinische Theorie. Der Ausstellung zufolge glaubte man, dass die Körpersäfte „mit Himmelskörpern, Jahreszeiten, Körper- teilen und Lebensphasen in Verbindung stehen. Transportiert durch den Blutstrom, schufen sie die grundlegenden Leidenschaften von Wut, Trauer, Hoffnung und Angst – Emotionen, die in Shakespeares Komödien und Tragödien so kraftvoll zum Ausdruck kommen“. Die National Library of Medicine sieht eine Verbindung zwischen Shakespeares Zeit und unserer heutigen Zeit in der gemeinsamen Erkenntnis, dass „Emotionen auf biochemischen Prozessen beruhen und dass Medikamente zur Linderung mentaler Leiden eingesetzt werden können“.

Während diese Sichtweise die Medizin auf den Bereich der Wirkungen beschränkt, wird in der Waldorfpädagogik gemäß den Lehren Rudolf Steiners ein eher kausaler Ansatz zum Ausgleich der vier menschlichen Temperamente praktiziert. „Das Temperament“, so Steiner, „steht zwischen den Dingen, die einen Menschen mit seiner Ahnenlinie verbinden, und denen, die der Mensch aus früheren Inkarnationen mitbringt“.3 Die Waldorfpädagogik legt großen Wert darauf, die vier Temperamente zu einem harmonischen Ganzen zu vereinen, das man als einen guten und gesunden „Sinn für Humor“ bezeichnen könnte – eine Eigenschaft, die H.P.B. als zweitwichtigste Voraussetzung für die esoterische Ausbildung ansah. In Verbindung mit der ersten und dritten wichtigsten Voraussetzung – dem gesunden Menschenverstand – erreicht der Jünger das wichtigste Ziel auf seinem Weg: geistiges Gleichgewicht – eine Dynamik, die uns auf wunderbare Weise durch die Bewegung des Gyroskops (Kreisels) veranschaulicht wird.

Wir könnten die ‘anpassungsfähige Stabilität’ des Gyroskops mit dem 
„unerschütterlichen Willen“ derjenigen vergeistigten menschlichen Wesen vergleichen, die eine innere Ruhe im Zentrum ihres Seins erlangt haben. Solche Menschen erkennen ihr eigenes Zentrum im Verhältnis zum Zentrum anderer und zeigen so ein dynamisches soziales Bewusstsein. Sie wissen, wie sie den psychologischen Raum mit anderen teilen können – indem sie alle Beziehungen in einem Zustand freudiger, geistiger Spannung halten. Und wo wir sehen, wie das Gyroskop seine Ausrichtung beibehält, unabhängig davon, wie der Rahmen sich um es herumbewegt, sehen wir in fortgeschrittenen Menschen eine unerschütterliche Ausrichtung auf ihre geistige Quelle, ganz gleich, wie sehr die stürmischen Kräfte der Umgebung versuchen mögen, sie davon abzubringen.

Was die reine Physik der gyroskopischen Bewegung angeht, war Eric Lathwaite eine große Autorität auf diesem Gebiet. Er wurde als „Vater des Magnetschwebebahn- verkehrs“ bekannt, da er die Technologie der Magnetschwebetechnik entwickelte, auf der die schnellen, Rad-losen Züge in Japan, Korea und China basieren. Dennoch wurde er als Ketzer gebrandmarkt, weil er behauptete, dass das Gyroskop eine „Schwebe- fähigkeit“ aufweise, die den Gesetzen der klassischen Physik widerspreche. [Video] In jüngerer Zeit hat der Physiker Wal Thornhill die These aufgestellt, dass der Spin des Gyroskops seine Atomkerne so stark verschiebt, dass „es stärker von ‚kosmischen Anziehungskräften‘ beeinflusst wird als von der Schwerkraft der Erde, vielleicht sogar von der Erde abgestoßen wird“.4 Diese Erklärung wird erwähnt, weil sie eine nahtlose Brücke zwischen exoterischer und esoterischer Wissenschaft schlägt; sie liefert auch einen Schlüssel zum Verständnis der subjektiven Entsprechungen zur Levitation.

Aus der Perspektive der esoterischen Psychologie muss die „Substanz des Denkvermögens“ in einen Zustand des Rhythmus oder der harmonischen Schwingung gebracht werden. Es handelt sich dabei um „das Erreichen des Punktes vollkommener Balance und des Gleichgewichts. Dieser Punkt vollkommener Balance bewirkt dann … [unter anderem] … die Befreiung der Essenz, die durch die Form eingeschränkt wird“.5 Durch die Versöhnung oder das Ausgleichen der psychologischen Kräfte und Gegen- kräfte, die auf den niederen Ebenen der Manifestation wirken, wird das Bewusstsein auf dem „schmalen, rasiermesserscharfen Pfad“ (dem edlen Mittelweg des Buddha) befreit, der zwischen den Gegensatzpaaren in das Reich der Seele führt. Paradoxerweise bewegen sich Pilger auf diesem Weg, indem sie stillstehen. Durch Meditation, Studium und Dienst wird die Drehung aller atomaren Leben, aus denen sich ihre Manifestations- körper zusammensetzen, so weit beschleunigt, dass ihr Einfluss auf das Bewusstsein aufgehoben wird. Dazu die Worte von Alice Bailey: „Wenn die rhythmische Phase des Gleichgewichts erreicht ist, …  dann wird der Bewohner der Form aus der Gefangenschaft erlöst; er kann sich zur Quelle seines Ursprungs zurückziehen und ist von der Hülle befreit, die ihm bislang als Gefängnis diente; und er darf einer Umgebung entweichen, die er zu Erfahrungszwecken und als Kampfplatz für die Gegensatzpaare benutzt hat.”6

In dieser schwierigen Übergangsphase steht die Menschheit vor der gemeinsamen Herausforderung, die Gegensätze auszugleichen und sicher in das Wassermannzeitalter überzugehen. Es ist daher ermutigend zu wissen, dass in dieser Übergangsphase, welche die Welt derzeit durchläuft, der Einfluss der Waage – das Zeichen des Gleich- gewichts und der Ausgewogenheit – „immer mehr an Einfluss gewinnt und eine Machtposition im planetarischen Horoskop einnimmt“.7  Während die Kräfte der politischen Polarisierung Gesellschaften auf der ganzen Welt spalten und verwüsten, lassen Sie uns Hoffnung aus dieser Tatsache schöpfen und darauf vertrauen, dass die Menschheit mit der Zeit den gesunden Menschenverstand und den Humor entwickeln wird, die beide notwendig sind, um ihr Zentrum des geistigen Gleichgewichts zu finden, ihren Blick auf das Licht zu richten und die große Grundidee dieses Zeichens zu bekräftigen: „Ich wähle den Weg, der zwischen den beiden großen Kraftlinien dahinführt“.

In Gemeinschaft mit dem Einen Werk,
Zentralgruppe
LUCIS TRUST

1. 
Sylvia Cranston, HPB: The Extraordinary Life and Influence of Helena Blavatsky, p 337.
2.  And there’s the humor of it, National Library of Medicine,
https://www.nlm.nih.gov/exhibition/shakespeare-and-the-four-humors/index.html
3. The Four Temperaments. GA 57: Rudolf Steiner Archive. 
4. Wal Thornhill, The Long Path to Understanding Gravity, YouTube Video (52.20)  
5. A.A. Bailey, Eine Abhandlung über Kosmisches Feuer, S.158, engl.
6. A.A. Bailey, Eine Abhandlung über Kosmisches Feuer, S.159, engl.   
7. A.A. Bailey, Esoteriche Astrologie, S. 238, engl.
 

Booklet UK version
PDF der Broschüre in Deutsch

   
 

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